Nordlichter
Kopf
Samstag, 28. April 2007
Umzüge
Der Anruf der Oberärztin kam Dienstagvormittag. Sie sagte mir, der zweite Pathologe glaubte einige bösartige Zellen erkannt zu haben. Am 7. Mai muss ich in die Greifswalder Frauenklinik einrücken. Einen Tag später werde ich operiert. "Am Tag der Befreiung", entfuhr es mir. Da werde ich dann ebenfalls befreit, von was auch immer. Hoffentlich können sich die Pathologen dann auf einen histologischen Befund einigen! Im Augenblick ist mir alles zuviel, und ich fühle mich einfach überfordert mit der Aussicht auf Doppelkrebs. Das ist purer Stress für mich, und meine Rückseite reagierte entsprechend. Der Flammenwerfer arbeitet wieder.

Dieses Problems wegen war ich Montag erneut von Beate begleitet, auf eigenen Wunsch aber mit Überweisung vom Hausarzt, in Neubrandenburg beim Proktologen. Er war der am dichtesten residierende Spezialist für Krankheiten des Enddarms. Seine Praxis hatte er in einem Wohnblock der Oststadt. Ich glaubte erst, wir hätten uns verfahren. Denn das Haus gegenüber war bis auf einige wenige Wohnungen fast leergezogen. Sanierung oder ein Fall für die Abrissbirne? Neubrandenburg hat nach der Wende mehr als 20.000 seiner Einwohner verloren. Zum Glück für mich war dieser Arzt nicht darunter. Der nächste Mediziner dieses Fachgebiets sitzt noch weiter weg in Güstrow.

Meine Darmuntersuchungen sind noch nie so lustig gewesen, wie sie Sebas in seiner „Ode an meine Proktologin.“ beschreibt. Es ist einfach der Unterschied zwischen Hämorrhoiden ersten Grades und Darmkrebs Stadium drei. Aber meine Krankheit hat auch ihre positiven Seiten. Ich habe kein Druckproblem und stehe nicht "under pressure". Zum Lachen war mir beim Hinterncheck nicht. Es war immens unangenahm, tat weh wie immer, und ich lief aus. Die Schwester hatte ein wenig zu wischen. Ob mein Schließmuskel schon mal vermessen worden wäre, oder mein After ultrabeschallt, fragte mich der Doktor. Weder noch. Er schrieb mir eine Überweisung an Berliner Kollegen aus.

Seine schwierigen Fälle würde er immer dorthin schicken. Die Fahrt nach Berlin muss ich selbst bezahlen, die Kosten der Untersuchungen trägt dann die Krankenkasse. So schnell bin ich noch nie zu einer Überweisung zum Spezialisten gekommen. Gewöhnlich doktoren die Ärzte doch immer an ihren Patienten herum, ehe sie diese weiterreichen. Die Schwester im Vorzimmer organisierte mir per Telefon den Termin. Zu laut, wie Beate meinte, die im Wartezimmer saß. Nun weiß ganz Neubrandenburg über meine Stuhlinkontinenz bescheid.

Inkontinent bin ich nicht immer. Es ist mehr eine Frage des Aggregatzustandes. Ostern konnte ich sogar mit dem Familienclan durch Hellersdorf spazieren. Im Moment wär das nicht möglich. Mein Onkologe konnte beim besten Willen keinen Sinn in meinem Wunsch nach proktologischer Beratung entdecken. Mein Dünndarm wäre strahlengeschädigt, mein Mastdarm perdu, es wird nie mehr so sein, wie es war. Basta! Nur ich kann mich nicht damit abfinden den Rest meiner Tage im stillen Örtchen thronend zu verbringen. Der Schließmuskel scheint ja noch halbwegs intakt zu sein. Mir wäre schon geholfen, wenn ich statt 10-15 nur noch 5 Mal rennen müsste. Vielleicht ist ja auch ein neuerliches Stoma die Lösung. Mit Ruhe und Auskurrieren ist es wieder Essig! Meine Krankheit sorgt einmal mehr für die nötige Unterhaltung, erst Enddarm dann Brust.

Aber ich belege nicht nur für kurze Zeit ein hübsches Krankenbett in der Uniklinik Greifswald, auch hier in meinen Weblog und dem Podcast tut sich einiges. Ich gebe meine Domain nach genau fünf Jahren auf, hauptsächlich des schnöden Mammons wegen. Meine Rente ist nur klein, und statt in dieses Webpack investiere ich sie besser in Toilettenpapier. Im Augenblick habe ich gar kein Einkommen, denn die Erwerbsminderungsrente, obwohl ab Dezember zugesichert, wird das erste Mal Ende Juni gezahlt. Die Beiträge der ersten sechs Monate behält der Rentenversicherer ein, um sie mit anderen Behörden zu verrechnen. Anschließend erhalte ich den Rest. Das ist nicht nur bei mir so, sondern gilt für alle Erwerbsminderungsrentner gleichermaßen. Wem bis dahin die Puste ausgehen sollte, und, vorausgesetzt sein Vermögen beträgt nicht mehr als 2.600 Euronen, der erhält Grundsicherung vom Sozialamt. Dies ist noch einen Zahn schärfer als Hartz IV.

Nun gut, das Finanzielle ist ein Grund, aber bei weitem nicht der einzige. Meinem Thema geschuldet trete ich hier Details meiner Krankengeschichte breit. Es hat mich schon immer gestört, dass ich als Besitzer einer eigenen Domain meine Adresse preisgeben muss. Mein Blog hier ist ja keine Zeitung. Ich schreibe in erster Linie mir die Ängste von der Seele und dann für meine Familie, die Freunde, die Arbeitskollegen, andere wie auch immer Betroffene. Obgleich im Web weltweit erreichbar ist das kein hinreichender Grund zum Outing. Meine Leser- bzw. Hörerschaft ist nur klein. Eine Krebserkrankung mit ihren Höhen und Tiefen ist keine massenkompatible Angelegenheit. Bekannt zu werden ist auch nicht der Antrieb meines Tuns. Mit meinen Geschichten will ich nicht ins Licht der Aufmerksamkeit gezerrt werden, um irgendjemandes Voyeurismus zu bedienen. Der Grad zwischen öffentlichem Bekenntnis und Privatheit ist sehr schmal. Ich versuche eine gewisse Balance zu halten und nicht abzustürzen.

Weil das Bloggen und Podcasten meine Strategie ist, dem Krebs zu trotzen, habe ich mich nach Alternativen zur eigenen Domain umgesehen. Zum Glück gibt es ja genügend Bloghoster, die Software und kostenlosen Speicherplatz anbieten. Ab Mai werde ich dann unter der Gemeinschaft von blogger.de meine Artikel ins Netz stellen. Blogger.de lag nahe, weil dort einige von mir geschätzte Damen und Herren bloggen, und ich selber schon Mitglied der Gemeinde war. Ein geeignetes Kleid fürs Weblog habe ich auch gefunden und angepasst. Von den 205 Artikel aus den alten Nordlichtern habe ich 100 übernommen. Der Orginalzeitpunkt, an dem ich die Artikel ursprünglich veröffentlicht habe, steht in Klammern darunter. Die Kommentarfunktion habe ich für diese Einträge abgeschaltet. Ich hoffe, Ihr besucht mich dann ab 1. Mai im neuen Weblog unter „https://mariont.blogger.de“.

Von den Hörern meines Podcastes verabschiede ich mich vorerst. Zwar habe ich auch für meinen Podcast "Nachtgedanken" einen neuen Platz gefunden, nur das Hochladen der 95 alten Episoden wird länger dauern. Der Podcast ist dann unter „https://nachtgedanken.podspot.de“ zu erreichen. Im Moment ist er noch leer.

Ich will Euch auch nicht verschweigen, dass ein weiterer Anlass meine Domain aufzugeben die geringe Rückmeldung war, die ich erhielt. Manchmal glaubte ich, ich redete gegen eine Wand. Die warf mir nur meiner eigenen Stimme zurück und sonst nichts. Nun denn, neues Weblog, neuer Krebs, neues Glück? Bis bald meine Lieben!

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