Nordlichter
Kopf
Montag, 31. März 2008
Abschied
31.03.2008

Am 07.02.2008 ist Marion im Hospiz gestorben.

Eine Woche vor Ihrem Tod hat sie mir noch einen Eintrag für Ihren Blog diktiert. In den letzten Monaten Ihres Lebens war dieser Blog mit das Wichtigste in Ihrem Leben gewesen und sie hat sich so sehr gewünscht, noch weiter leben zu können um noch mehr zu schreiben. Marion hat alle Ihre Einträge immer Korrektur gelesen und noch verbessert und so lange gefeilt, bis ihr alles in den richtigen Worten verfasst schien. Erst dann hat sie das Ganze im Netz veröffentlicht. Diesen letzten Eintrag konnte sie nicht mehr überarbeiten und ich stelle ihn auf Marions Wunsch hin jetzt in Rohform ins Netz. Er ist nicht fertig geworden, denn es ging ihr körperlich zu schlecht um noch weiter diktieren zu können.


Ti 29.01.2008

Mein Einzug in die Greifswalder Klinik für Inneres verlief chaotisch. Organisiert hatte meinen Krankenhausaufenthalt ein anderer Arzt im Demminer Krankenhaus und nicht mein Onkologe. Und jeder dachte vom anderen, daß er mich über den Zeitpunkt informieren würde. Also erhielt ich gar keine Information. Es war ein bisschen wie zu DDR-Zeiten - keiner weiß Bescheid, aber alle machen mit. Als ich am Montag dort ankam, war kein Bett für mich frei. Da ich aber nicht wieder nach Hause wollte, weil ich schon mal da war, wurde für mich ein Bett in den Stationsflur geschoben. Und ich musste warten. Während ich da auf dem Flur hockte setzte sich der Stationsarzt auf meine Bettkante und plauderte mit mir. Ich erklärte ihm, daß ich 2 Dinge völlig ablehnen würde: eine harte Chemo und eine Darmspiegelung. Weil ich sicher war, beides körperlich nicht mehr durchstehen zu können. Patientenbetten auf dem Flur kannte ich eigentlich nur aus Berichten über Dritte-Welt-Länder oder aus Großbritannien. Aber am Ende wurde doch noch alles gut und ich wurde samt Bett in ein 3er-Zimmer geschoben. Hier gab es sogar ein eigenes Bad mit Toilette. Während ich in Greifswald Klinikum lag wurde ich in 3 verschiedene Zimmer verlegt. In ein 6er-Zimmer mit Toilette und in ein 3er-Zimmer ohne Toilette. Ich wartete wenn auch nicht auf den Weihnachtsmann sondern auf eine gute Fee, die mir einen Wunsch erfüllen würde. Leider kam es nicht dazu. Die Strahlenärztin sagte mir, daß das Gewächs in Schulter und Rücken 10x bestrahlt werden müsste. Und sie stimmte mir zu, als ich erklärte, ich glaube für mich wäre keine Heilung möglich sondern nur ein Hinauszögern der Krankheit. Inzwischen war der Oberarzt in der Inneren Klinik voller Eifer dabei, sich meines Darmproblems anzunehmen. Mit Hilfe von Kapseln mit dem Wirkstoff Loperamid gelang es ihm, die Darmtätigkeit in meinem Bauch vollständig zum Erliegen zu bringen. Statt Durchfall musste ich mich jetzt mehrfach übergeben. Und erst jetzt wurde durch einige Untersuchungen wie CT, Röntgen usw. nach der Ursache geforscht. Die Frauen (Mitpatientinnen) in meinem Zimmer ertrugen meine Brechorgien relativ gelassen. Bei all diesen Untersuchungen konnte keine organische Ursache für das Brechen gefunden werden. Ich bekam während meines Aufenthalts dort mehrfach Besuch. Jemand vom ambulanten Hospizdienst in Greifswald, Renate tauchte plötzlich mit Tochter und Enkelin auf, eine Schwester vom evangelischen Kloster Verchen und natürlich meine Freundin Beate. Diese Besuche machten es für mich erträglicher, es in Greifswald auszuhalten. Im Krankenhaus grassierte der Norovirus und die Station, auf der ich lag, war die einzige, die nicht geschlossen wurde. Trotzdem stieg der Krankenstand unter dem Personal und die Stimmung näherte sich dem Gefrierpunkt, weil noch weniger Schwestern und Pfleger sich die Arbeit teilen mussten. Eines Nachts verschluckte ich mich am Tee. Während ich so vor mich hin röchelte war die Schwester gerade mit einer anderen Patientin im Zimmer beschäftigt. Sie sagte mir, daß man da nichts machen könne. Aber dafür klopfte mir meine Bettnachbarin heftig auf den Rücken, bis ich wieder Luft bekam. Eines Abends setzte sich einer der Ärzte zu mir ans Bett und sagte zu mir, ich solle mal raten, was beim CT herausgekommen wär. Ich antwortete, wenn er schon so anfing, wüsste ich schon Bescheid. Man kann schlechte Nachrichten auch anders rüberbringen. Ich fand das Verhalten des Arztes sehr taktlos. Um sensibel so schlechte Nachrichten zu übermitteln braucht es keine spezielle Schulung – dafür reicht eine Ausbildung als Mensch. Fakt war, daß der Krebs wieder gekommen ist und auch andere Organe mit Metastasen befallen sind.


Hier endet Marions letzter Eintrag und in Ihrem Sinne sage ich Euch allen „Lebt wohl Ihr Lieben“

Beate (Freundin)

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Dienstag, 1. Januar 2008
Alte Leiden - neue Katastrophen
Ich habe es bewusst vermieden zwischen den Feiertagen zu bloggen, um keinen von meinen Lesern das Fest zu verderben.

Der Termin in der onkologischen Sprechstunde, bei der die nächste Chemotherapie besprochen werden sollte, geriet zum Desaster. Ich zeigte meinem Arzt den dicken Mittelfinger. Der erschien ihm so suspekt, dass er mich sofort nach unten zum Röntgen schickte. Als ich wieder oben im Sprechzimmer war, hatte ich einen Termin bei meinem Doktor am nächsten Morgen und einen in Greifswald zur Skelettszintigraphie. Mein Onkologe berichtete mir anderntags, die Chirurgen hätten anhand des Röntgenbildes doch eine Knochenmetastase festgestellt, OP-Termin am Donnerstag. Ich hätte noch die Option einer örtlichen Betäubung gehabt, aber ich beschloss, bei dieser Operation nicht dabei sein zu wollen.

Zum Glück musste ich an diesem 20. Dezember nicht lange warten, sondern durfte gleich das schöne Krankenhausnachthemd überstreife und ins Bett hüpfen. Dann ging es auch schon hinunter in den OP. Auf die LMAA-Tablette hatte ich verzichtet. Es war meine 6. Operation. Im Aufwachraum hatte ich zuerst etwas Atemprobleme. Dort, wo vorher mein Mittelfinger gewesen war, hatte ich einen dicken Verband. Die Schwester sorgte dafür, dass die Schmerzen im erträglichen Rahmen blieben. Auch oben auf der Station blieb das dank der Ärzte und Schwestern so.

Inzwischen rückte das Weihnachtsfest näher und die Zahl der Patienten verringerte sich. Deshalb wurden die zwei chirurgischen Stationen zusammengelegt. Aus dem Schwesternzimmer klang Weihnachtsmusik herüber. Als ich klingelte und um eine Kanne Fencheltee bat, kam eine Schwester wütend ins Zimmer geschossen. Wie ich es wagen könne, deswegen die Klingel zu betätigen. Sie würden sich Blutblasen laufen. Ich solle bei solchen Wünschen gefälligst nach vorn ins Schwesternzimmer kommen. Wenn ich im Bett liege, sieht mir niemand meine körperliche Schwäche an. Lust zu streiten hatte ich keine. Ich stimmte der Dame zu in der vollen Absicht, dann vor dem Schwesternzimmer zusammenzubrechen. Meinen Fencheltee bekam ich übrigens später von einer anderen sehr netten Schwester.

Neben mir lag eine Patientin, die sich das Bein oberhalb des rechten Fußes glatt durchgebrochen hatte. Sie hatte einen Mann und vier Kinder zu Hause, die jüngste Tochter war 14 Jahre alt. Der älteste Sohn war noch keine 25, Vater einer kleinen Tochter und alkoholabhängig. Er war auf Urlaub aus dem Entzug gekommen. Seiner Mutter erzählte er bei einem Besuch stolz, dass er sich beim letzten Diskoaufenthalt bis zum Stehkragen abgefüllt hatte. Als ihr Sohn gegangen war, weinte die Frau hemmungslos. Ich konnte sie nicht trösten. Sie hatte so gehofft, dass ihr Sohn über die Feiertage in seiner Entzugsgruppe hätte bleiben müssen. Auch war sie wütend auf ihren Mann, der einen Teil des kleinen Weihnachtsgeldes an die Söhne zum Diskobesuch verteilte. Sie hatte konsequent festgelegt, das Geld gibt es erst am Heiligen Abend. Die Kinder kamen und berichteten von den Kochkünsten ihres Vaters. Die Mutter hielt es nur mit Mühe in ihrem Krankenbett. Am Weihnachtstag gab ihr der Arzt für einige Stunden Urlaub. Sie hätte aber dann mit einem Auto chauffiert werden müssen. Ein solches besaß die Familie nicht. Ich glaube, sie ist auch Weihnachten im Krankenhaus geblieben.

Mich jedoch holte am 24. Dezember mein Bruder ab, er versorgte mich auch zu Hause. Von meinem Mittelfinger durfte ich nur das dicht bandagierte untere Glied mitnehmen. Knochenmetastasen treten leider nie einzeln sondern immer im Rudel auf. Eine weitere hat sich in meinem rechten Wadenbein eingenistet. Am 27. Dezember hatte ich die erste Chemositzung. Weil ich an der rechten Schulter eine Auffälligkeit entdeckt hatte, ließ ich meinen Onkologen einen Blick darauf werfen. Nach der Chemo musste ich deshalb zum MRT. Weil ich immer noch schwächlich bin, fuhr mich die Schwester, die die Kranken psychisch betreut schnell in die Praxis. Sie wich auch dort nicht von meiner Seite und ging erst, als ich in die Röhre musste. Der Röntgenarzt telefonierte nach der Untersuchung mit meinem Onkologen. Ich wurde zurück ins Krankenhaus geschickt, diesmal übernahm die Fahrt mein Bruder, der inzwischen in die Praxis gekommen war.

Wir warteten in der Notfallambulanz. Das Gesicht meines Onkologen verhieß keine gute Nachricht. Ich leide an dieser schweren Krankheit mit allen Höhen und Tiefen mittlerweile 2 ½ Jahre. Nun musste ich vernehmen, was jeder Krebspatient fürchtet. Es ist wiedergekommen und wächst weiter. Mein Doktor hatte inzwischen mit dem Hausarzt die Schmerzmedikation festgelegt. Ich erhalte Pflaster, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Mein Bruder musste leider am Nachmittag zurück nach Berlin. Ich überließ es ihm mit den Eltern zu telefonieren. Aber ich war nicht lange allein, erst kam die Schwester, mit den Schmerzpflastern aus der Apotheke und dann meine Freundin Beate. Beate war inzwischen oft hier, keine Ahnung, wie ich die Sache ohne sie packen würde. Ich weiß nur, bedingungslose Freundschaft ist etwas sehr Schönes, und ich bin dankbar, dass ich sie erfahren darf. Beate hat auch hier mit mir den Jahreswechsel gefeiert. Was ich nicht möchte, ist mir selbst den Rest meiner Zeit zu vermiesen.

Am Nachmittag des Chemotages rief mein Onkologe an. Er hatte sich in Greifswald mit einem Professor beraten. Die erste Januarwoche will er mich in die Uniklinik schicken. Vielleicht wäre Bestrahlung noch eine Möglichkeit, den Krebs zu begrenzen. Ich jedenfalls muss alle Eventualitäten ins Auge fassen. Praktisch, wie Beate veranlagt ist, hat sie mir einige Formulare ausgedruckt, und ich habe inzwischen einiges unterschrieben, um die Dinge zu regeln. In Deutschland geht es nun mal nicht ohne Formulare, auch nicht in dieser Angelegenheit. Ich habe mir auch schon lange vorher über den schlimmsten Fall Gedanken gemacht. Wenn es denn sein muss, halte ich es für mich das beste, den Rest meiner Tage in einem Hospiz zu verbringen. Ich will dann nicht im Krankenhaus sein. Ich habe keine Ahnung, wie es mit mir weitergeht, und ob ich die Kraft finden werde, hier noch einmal zu bloggen.

Also ist es erstmal Zeit sich zu verabschieden. Lebt wohl, meine Lieben!

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Montag, 10. Dezember 2007
Schmerzen unterm Weihnachtskaktus
Diesmal macht mir meine Krankheit weit mehr zu schaffen, als nach den vier vorhergehenden Operationen. Ich bin nicht nur durch meine Schwäche an die Wohnung gefesselt. Ich leide auch an starken Schmerzen am Rücken und am rechten Arm. Mein Hintern revoltiert noch immer. Zu allem Übel ist der Mittelfinger meiner rechten Hand dick, als wäre er schwanger. Kennt jemand ein unfehlbares Mittel bei Sehnenscheidenentzündungen? Gegen die Rückenschmerzen helfen zwei Dinge: Zurück ins Bett legen, und warten, bis sie auf ein erträgliches Maß abgeschwollen sind, oder den Hausarzt kommen lassen, falls es gar nicht mehr geht. Mein Doktor traktiert den Rücken dann recht unangenehm mit einer Spritze. Wenn ich das überstanden habe, lässt es sich wenigstens für den Rest des Tages aushalten.

Es ist ein Leben in Zeitlupe. Für das, was gesunde Leute ruckzuck erledigen würden, brauche ich hundert Jahre. Der Schmerzen wegen liege ich doch mehr im Bett, als ich eigentlich möchte. Schräg neben mir am Fenster hängt in einer Ampel ein großer Weihnachtskaktus, dessen letzte vertrocknete rosa Blüten Beate am Sonntag abzupfte. Wenn ich von meinem Krankenlager hinausschaue, sehe ich nur den Himmel, grau, blau oder Wolken verhangen. Ab und zu ziehen laut krächzend Schwärme von Krähen vorüber. Wildgänse kann ich weit weniger beobachten. Drinnen bilden, im Gegensatz zu mir, wenigstens die Orchideen auf der Fensterbank einen erfreulichen Anblick. Die meisten blühen jetzt im Winter. Aber nur Pflanzen betrachten oder aus dem Fenster starren, ist auf Dauer doch ein wenig langweilig, und es lenkt kaum von den eigenen Gebrechen ab.

Cymbidium

Im Bett lesen entfällt leider. Das normale Radioprogramm habe ich schon ewig nicht mehr gehört. Ich bin dazu übergegangen, mir aus dem Web MP3-Dateien auf meinen Uralt-PDA zu laden. Leider bieten nicht alle Hörfunkanstalten dieses Dateiformat an, bei vielen benötigt man iTunes zum Download. Was soll ich mit iTunes, wenn ich nur die MP3-Datei haben will? Begonnen habe ich mein Bettradioprogramm mit „Die Kompagnieros: Wie Mediendebatten inszeniert werden“ einen amüsanten Beitrag der Sendereihe „Der Tag“ von hr2. Derselbe Sender bietet das Funkkolleg „Die Welt der Geschichten - Kunst und Technik der Erzählung“ an. Insgesamt soll das Kolleg 22 Radiosendungen umfassen, 7 sind bis jetzt online. Eine Funkbericht dauert nicht ganz 25 Minuten. So lange halte ich gerade durch, ehe mir die Augen zufallen.

Während ich drinnen mit den Nachwehen meiner Krankheit voll beschäftigt bin, gehen draußen vor der Tür Demokratie und Bürgerrechte Stück für Stück verloren. Widerstand dagegen ist wenig zu spüren. Am Tag, als die Vorratsdatenspeicherung beschlossen wurde, war das ZDFs heute nur eine Meldung unter ferner liefen wert. Es sind ja auch keine Journalisten davon betroffen. Vielleicht sollte ich mich langsam wieder daran gewöhnen zwei Meinungen zu haben eine öffentliche und eine private, wie zu DDR-Zeiten. Diskutiert wird das Thema Vorratsdatenspeicherung im Internet und hier vor allem in den Blogs. Ich habe meiner Physiotherapeutin aufgezählt, was denn im nächsten Jahr gespeichert wird, falls sie im Festnetz oder mit dem Handy telefoniert. Das ging ihr entschieden zu weit. Sie sagte mir, sie fühle sich über dieses Gesetz und seine Folgen nicht richtig informiert in den Medien. Ich denke, das wird für die meisten normalen Bürger zutreffen.

Ihre Informationen beziehen sie aus dem Fernsehen, ich meine aus dem Internet. Manchmal glaube ich in einer Parallelwelt zu leben, und das nicht nur weil ich an meine Krankengruft gefesselt bin. Die trennt mich von den Menschen und den Dingen. Besuche habe ich nur wenige, außer Arzt und Therapeutin, meine beiden Freundinnen und sporadisch die Arbeitskollegen. Dann haben ich endlich die Gelegenheit zum Plaudern. Frauen sind nun mal fürs Dauerschweigen ungeeignet. Obwohl langes Reden mich nach der Lungen-OP noch immer anstrengt. Meinen Podcast kann ich aus diesem Grund im Moment nicht weiterbetreiben. Gejapst und gehustet wären die Episoden nicht besonders amüsant. So bleibt mir im Moment nur das Schreiben, falls mir Hintern und Rücken wohlgesonnen sind.

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Dienstag, 6. November 2007
Nach der 5. OP
Natürlich wollte ich Euch mit meiner letzten Mitteilung nicht erschrecken, meine Lieben. Fakt ist aber, dass ich 7 kg abgenommen und mich nach keiner Operation so schlecht gefühlt habe wie nach dieser. Mein Bruder, der mich mit unserem Vater abgeholt hatte, stellte fest, ich wäre nur noch Haut und Knochen. Meine Arbeitskollegin, die mich hier in meiner Krankengruft besuchte, sagte meine Wenigkeit betrachtend nur zwei Worte: "Oh, Gott!"

Im Prinzip bin ich zu früh aus dem Krankenhaus entlassen worden. Aber seit die Krankenhäuser per Fallpauschalen vergütet werden, ist man als Patient nur noch ein lästiger Kostenfaktor. Wenn es nichts mehr zu diagnostizieren oder zu operieren gibt, rechnet es sich finanziell die Patienten so rasch wie möglich nach Hause zu schicken. In der Wikipedia wird diese Vorgehensweise als Blutige Entlassung bezeichnet:
Eine vorzeitige Entlassung von Patienten aus dem Krankenhaus aus wirtschaftlichen Gründen wird von Kritikern als Blutige Entlassung bezeichnet. Vorzeitige Entlassungen bergen neben den Risiken für die Patienten aber auch Kostenrisiken für die Krankenkassen, z.B. wenn wegen der Erkrankung vermehrt ambulante Krankenbehandlung, häusliche Krankenpflege oder gar ein erneuter stationärer Krankenhausaufenthalt nötig werden (Drehtür-Effekt).
Von niedergelassenen Ärzten wird kritisiert, dass sie das wirtschaftliche Risiko der Entlassungen zu tragen haben, da die ambulanten Behandlungen durch die nicht abgeschlossene Heilung teurer und aufwändiger werden, ohne dass sie bei den Krankenkassen vollständig abgerechnet werden können.
Am Dienstag schleppte ich mich zum Hausarzt. "Warum hast du nicht angerufen?", fragte mich die Sprechstundenhilfe, als ich dort japsend auf einem Stuhl im Wartezimmer lag. Sie schickte mich zum jungen Arzt in die Sprechstunde, denn mein Doktor war stark erkältet. Der Sohn ist nicht nur in der Schul- sondern auch in der Alternativmedizin bewandert. Ich sollte mir überlegen, ob ich eine Mispeltherapie wollte. Aber mein Problem ist einmal mehr meine Rückseite und meine körperliche Schwäche. Ich erklärte, dass ich mich allein waschen und anziehen kann aber Hilfe im Haushalt brauche. Der Arzt versprach sich darum zu kümmern.

Das Sichkümmern dauerte mir eindeutig zu lange. Ich rief am Freitag in der Praxis an. Die Sprechstundenhilfe nahm die Sache in die Hand und kurze Zeit später meldete sich am Telefon ein Pflegedienst. Im Laufe der darauffolgenden Woche tauchten hier verschiedene Mitarbeiter des Dienstes mit verschiedenen Formularen auf. Ich sollte für die Bezahlung der Kosten eine Pflegestufe beantragen.

Das erschien mir doch sehr suspekt, und ich rief bei meiner Krankenkasse an. Die Mitarbeiterin, der ich meine Situation schilderte, beruhigte mich. Ich habe Glück, meine Krankenkasse übernimmt die Kosten für eine Haushaltshilfe für maximal vier Wochen. Andere Krankenkassen zahlen nur, wenn ein Kind zur Familie gehört. Das geht doch glatt am Leben vieler alten und alleinstehenden Menschen vorbei. Ich bekomme die Hilfe für drei Wochen auf Rezept. Die Angestellte des Pflegedienstes war das erstemal zehn Tage nach meinem Arztbesuch bei mir. Sie hilft mir dreimal die Woche für jeweils eine Stunde. Für mich ist das eine große Erleichterung.

Mein Hausarzt vereinbarte für mich auch einen Termin beim Urologen. Dort war ich in der letzten Woche. Es ist eine Gemeinschaftspraxis. Eine dreiviertel Stunde nach dem festgesetzten Termin, und kurz bevor ich im Warteraum vom Stuhl rutschte, wurde ich von einem älteren Arzt ins Sprechzimmer gerufen. Ich berichtete ihm, dass mein Hausarzt eine geheime Verbindung zwischen Darm und Blase vermutete. Dann musste ich meine Gebrechen aufzählen. Der Doktor hatte einiges zu tippen. Als ich beim Brustkrebs angelangt war, erzählte er mir, dass seine Frau ebenfalls daran erkrankt war. Sie hatten sich gemeinsam gegen eine Chemotherapie entschieden, und die Frau hatte auch eine Lungenmetastase bekommen. Was half mir das? Meine Metastase war ein Geschenk meines Darmkrebses.

Meinen Hinweis, dass ich wegen der Brustoperation nur noch den linken Arm für Blutabnahme und ähnliches vorzeigen würde, tat der Doktor mit Panikmache der anderen Ärzte ab. Ich erklärte ihm, wegen der Lymphödeme in beiden Beinen, und der Kompressionsstrümpfe, die ich tragen muss, bin ich nicht scharf auch einen dicken Arm zu bekommen. Dann folgte die Ultraschalluntersuchung meines Bauches. Noch während ich auf der Pritsche lag, rief der Doktor nach seinem jungen Kollegen: "Ich habe hier eine Patientin. Lies dir mal die Anamnese durch, da wird dir schlecht!" Das hatte mir gerade noch gefehlt, ein Arzt mit coolen Sprüchen auf den Lippen. Der jüngere, der Erich Zabel ähnlich sah, las den Text am Bildschirm und verkniff sich jeden dümmlichen Kommentar. Sie beratschlagten, wie sie mich eine Woche später röntgen wollten. Der jüngere Arzt sagte mir, falls er im Röntgenraum sitzt, muss ich ihn daran erinnern, noch eine Aufnahme mit leerer Blase zu machen. Sein älterer Kollege könne sich das so merken, er aber nicht. Sein Gedächtnis sei nicht so gut.

Heute morgen war ich im Kreiskrankenhaus zum Röntgen, im Raum saß der ältere Arzt. Ich legte mich auf die Pritsche. Er setzte sich auf einen Hocker rechts neben mich und machte dann Anstalten mir in den Arm zu piksen. "Nein," sagte ich "die andere Seite." Er fragte, warum ich gewartet habe, bis er sich niederließ. "Woher soll ich wissen, was Sie vorhaben?", war meine Antwort. „Huch, sind Sie aber dünn!“, stellte der Doktor erstaunt fest. „Da brauche ich ja nur die Hälfte des Kontrastmittels.“ Nach dem Röntgen sollte ich vom Kreiskrankenhaus zur urologischen Praxis gehen, die nur ein paar hundert Meter entfernt ist. Für mich in meinem gegenwärtigen Schwächezustand eindeutig zu weit. Ich ließ ein Taxi rufen.

Eigentlich wollte ich in der Praxis nur den Zettel für die Untersuchung abgeben und dann gleich verduften. Die Schwester bat mich zu bleiben, der Doktor würde für die Auswertung nur zehn Minuten brauchen. Im Gegensatz zu meinem ersten Besuch ging es diesmal wirklich fix. Beim Betrachten der Röntgenbilder stellte der Arzt fest, dass die Aufnahme mit leerer Blase fehlte. Ich wollte ihn doch erinnern. Von wegen, seinen jungen Kollegen, ja. Das Röntgen hatte keine Verbindung zwischen Darm und Blase gezeigt. Zu meiner besonderen Erleichterung sind meine Nieren völlig in Ordnung. Der Arzt sagte mir, das sei für die Medikamenteneinnahme besonders wichtig. Endlich einmal eine gute Nachricht! Der Doktor fragte zum Abschied, ob ich vorbeugend einen Termin für die Sprechstunde wollte. Ich verneinte, diese Praxis sieht mich nur wieder, wenn ich muss.

Müßig darauf hinzuweisen, dass ich wegen meiner Gebrechlichkeit nach der OP weder in der Lage bin allein ins Kreiskrankenhaus noch in diese Arztpraxis zu gehen. Es blieb mir nichts weiter übrig als ein Taxi zu rufen. Nach der Gesundheitsreform bezahlen die Krankenkassen nur noch Fahrten zur Strahlen- bzw. Chemotherapie. Ich muss die Kosten also von meiner mageren Erwerbsminderungsrente bestreiten. Das Ziel der Gesundheitsreform ist ja auch nicht in erster Linie das Wohl der Patienten, sondern ganz Neusprech Kostendämpfung. Der Hausarzt besucht einen noch in der eigenen Wohnung, aber wenn man schwer krank ist, benötigt man nicht nur den Hausarzt. Die Möglichkeit, dass ein Patient so leidend ist, dass er nicht selbst zum Arzt kann, niemand hat der ihn dorthin bringt und auch noch zu arm ist, um die Fahrkosten zu tragen, ist in der Gesundheitsreform nicht vorgesehen. Deshalb wird es auch so einen Fall in der Praxis in Deutschland nie geben!

Die Nachrichtenagenturen meldeten in den letzten Tagen, die Bundestagsabgeordneten stocken ihre Diäten um 9,4 % auf. Recht so! Ich möchte meine Rentenerhöhung auch selbst festlegen.

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Dienstag, 23. Oktober 2007
Daheim
seit Samstag, Metastase ist raus, zu schlapp für alles, auch zum Bloggen.

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Donnerstag, 4. Oktober 2007
Hafturlaub
Ich trage die Metastase in der Lunge noch immer mit mir herum. Vorgestern bei der Morgenvisite sagten sie mir, dass sie beratschlagen wollten, wie sie nun weiter vorgehen, nachdem die letzte Gewebeprobe wieder ohne Befund war. Da sie im Bauch außer Verwachsungen nichts gefunden hatten, wollten sie sich dem eigentlichen Problem widmen, meinem rechten Lungenflügel. Die Operation wird erst am Mittwoch in einer Woche sein. Der Stationsarzt fragte mich bei der Nachmittagsvisite, wann ich nach Hause wolle. Er meinte, am nächsten Morgen. Ich
sagte, sofort, und bestellte das Taxi.

Der Taxifahrer nannte beim Pförtner meinen Namen. Der erklärte sie hätten zehn Patienten. Was sehr verwunderlich ist, ich heiße ja weder Meier noch Schulze. Mein Name kommt eigentlich relativ selten vor. Ich bin sicher mit keinem der anderen Patienten verwandt zu sein. Die Sippe meines Vaters stammt aus der autonomen Gebirgsrepublik Voigtland. Sie haben mir ihre extreme Seekrankheit vererbt, mit der ich mich schon seit meiner Kindheit herumschlage. Der Taxifahrer sagte, er wolle nicht alle Patienten mit dem Namen T. mitnehmen, sondern nur die junge Frau aus Demmin. Die anderen können alle da bleiben. Der Pförtner schickte ihn zu Thorax- und Gefäßstation.

Ich war am frühen Abend zu Hause. Der Taxifahrer trug mein Gepäck in die Wohnung. Ich hatte wieder mal Schwierigkeit die Treppen hochzuklettern. Mir geht es eindeutig schlechter als vor meinem Einzug in die Greifswalder Uniklinik vor drei Wochen. Ein Wunder ist das freilich nicht. Die Greifswalder Ärzte informierten mich, dass die Kolloskopie in Demmin wegen einer Engstelle in meinem Darm abgebrochen wurde. Das war mir neu, mein Onkologe hatte das Ergebnis der Untersuchung galant verschwiegen.

Die Ärzte in Greifswald wollten unbedingt die Ursache der Stenose ermitteln. So durfte ich verschiedenste Untersuchungen absolvieren. Ich musste zweimal aus dem Bauch und einmal aus der Achselhöhle Gewebeproben spenden. Sie räumten mir für die endoskopischen Untersuchungen dreimal den Darm leer. Nach der Biopsie mit CT übergab ich mich bis in den späten Abend. Unerwünschter Nebeneffekt der Quälerei, ich habe 4 kg abgenommen. Gefunden haben sie außer der Enge zum Glück nichts. Seit letzten Freitag trage ich einen Stent im Gedärm. Damit ist die Stenose zwar beseitigt, aber auch mein Kontinenzproblem prekärer geworden. Aus dem Hintern tropft es seitdem wie ein Wasserfall. Mein Befinden hat sich dramatisch verschlechtert. Mit meinen rückwertigen Problemen vor dem Stent konnte ich mich irgendwie arangieren, mit dem, was mich nun plagt, jedoch auf Dauer nicht. Den gestrigen Feiertag verbrachte ich vor allen Dingen wischend und cremend. Ich frage mich, wie das nach der OP werden soll. Die Schwestern werden mir kaum alle 10 Minuten den Schieber bringen. Werden sie mich dann windeln wie ein Kleinkind?

Am Montag muss ich in die Klinik zurück. Ich habe also nur fünf volle Tage Hafturlaub. Obwohl ich im Krankenhaus meinen PDA mithatte, und darum viel Material für neue Artikel eingetippt habe, werde ich jetzt kaum dazukommen weitere zu verfassen. Schade, denn soweit es ging, war ich auch in der Greifswalder Altstadt unterwegs. Der Markt und der Tierpark ist ja gleich bei der Klinik um die Ecke. Ich habe mir die drei großen Kirchen angesehen, war in der Lyonel-Feininger-Austellung und dem Pommerschen Landesmuseum. Dort konnte ich endlich den Croy-Teppich bewundern.

Blick vom Balkon mit Fetter HenneZu Hause hat es unterdessen bei den Balkonpflanzen einige Verluste gegeben. Meine Orchideen jedoch zeigen sich in gutem Zustand. Die Oncidien im Schlafzimmer haben drei neue Rispen getrieben. Wenn ich wieder daheim bin, werden sie in voller Blüte stehen. Meine beiden Cymbidien habe ich vom Balkon wieder ins Schlafzimmer geräumt. Zumindest bei der einen scheint der Trick mit der Blühinduktion geklappt zu haben. Aus den neuen Trieben entwickeln sich vermutlich Blütenstände. Hoffentlich bin ich bis dahin wieder zurück!

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Montag, 10. September 2007
Die Wildgänse ziehen
in den Süden und ich muss nach Norden.

Wildgänse am Kummerower See

Ab Mittwoch werde ich wieder ein hübsches Patientenzimmer in der Uniklinik Greifswald bewohnen. Es wird hier vorerst keine neuen Artikel geben, bis ich wieder zurück bin.

Bis bald, meine Lieben, drückt mir die Daumen!

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Sonntag, 2. September 2007
Gespiegelt und gescreent
Gemeinerweise hat mein Onkologe mir die anstehende Koloskopie nicht erlassen. Ich habe hier im Blog schon mehrfach geäußert, was diese Untersuchung für mich bedeutet. Eine Darmspiegelung erfüllt für mich den Tatbestand der Folter. Man braucht sie mir nur anzudrohen, und schwupps würde ich jedes Verbrechen, das ich nicht begannen habe, gestehen. Wie tröstlich für mich, dass es im Web noch mehr Angsthasen gibt. Leider trotzt der Artikel dieses Hasenfußes von sachlichen Fehlern. Für seine Furcht vor der Untersuchung habe ich volles Verständnis, für seine machomäßigen verbalen Entgleisungen jedoch nicht. Vielleicht kann oder will er nicht verstehen.

Ja ich gebe es zu, ich bin auch eines dieser schreckhaften Weibchen, von denen im Artikel die Rede ist. Ich hatte beides erst den Krebs am Darm, dann den in der Brust. Dank der Narben von Darmkrebs- und Lebermetastasenoperation schaut mein Bauch aus, als wäre ich bei dem Versuch Harakiri zu begehen gescheitert. Mit etwas gutem Willen kann man daraus ein großes T und ein auf der Seite liegendes kleines i erkennen, mein Pseudonym im Web. Ich trage es gelassen auf dem Bauch. Die Narbe an meiner rechten Brust ist jedoch von anderer Qualität. Obwohl sie gemessen mit denen auf dem Bauch winzig erscheint, fühle ich mich als Frau beschädigt.

Entdeckt wurde der Brustkrebs beim Mammographiescreening. Ich war vorher noch nie bei einer solchen Untersuchung, und nein, ich habe auch nie Hormone gegen irgendwelche Beschwerden eingenommen. In meiner gesamten Sippe gab es nicht einen einzigen Fall von Brustkrebs. Ich kenne das Für und Wider der Argumente bei dieser Untersuchung. Eigentlich hatte ich keinen hinreichenden Grund an dem Screening teilzunehmen. Aber da war diese Sache an meinem Darm. So ging ich hin, Treffer. Der Krebs war unter 1 cm groß, nicht tastbar und hatte noch nicht gestreut. Inzwischen bin ich ihn los.

Aus irgendwelchen Berichten zum Thema Mammographiescreening weiß ich, dass neun Frauen diese Untersuchung mit allem, was dazugehört, erleiden müssen, damit eine wie ich gefunden wird. Den Kommentatoren erschien dieser Preis zu hoch. Aus der Perspektive einer Krebskranken stellt sich das natürlich anders dar. Bei dem Jammer, das diese Erkrankung nicht nur für die Patientin sondern auch alle ihr Nahestehenden mit sich bringt, halte ich das Ungemach jedoch für akzeptabel. Trotz aller Leiden, Behinderungen und Nachteile die meine nun schon zwei Jahre andauernde Erkrankung mit sich bringt: Ja, das Leben ist immer noch lebenswert für mich, und ja, es lohnt sich dafür zu kämpfen. Ich bin dankbar, dass es Krebsvorsorge gibt.

Die Darmspiegelung ist keineswegs ein altmodisches Verfahren. Gegenüber dem CT hat sie den Vorteil, dass es keine Strahlenbelastung gibt. Darmpolypen, die als Vorstufe von Darmkrebs gelten, können direkt entfernt werden. Gemessen an meinem bisherigen Leidensweg, ist die Kolloskopie nur eine geringe Plage. Es war, glaube ich, meine siebte innerhalb dieser zwei Jahre. Wie gesagt, mein Onkologe hat brutal auf die Darmspiegelung bestanden, da billigte er keine mildernden Umstände. Aber nett, wie er ist, verordnete er mir ein anderes Mittel zum Darmputzen und eine Betäubung während der Untersuchung. Das hatte die Ärztin schon an der Uniklinik in Greifswald so gehalten, die meinen Darm zweimal koloskopierte. Bei meiner allerersten Darmspiegelung in einer Demminer Arztpraxis war ich ja drauf und dran gewesen, dem untersuchenden Doktor vom Tisch zu springen.

Die Anästhesistin hatte mir im Vorgespräch erklärt, bei schmalen Personen wie mir sei diese Untersuchung oft sehr schmerzhaft. Eine meiner Freundinnen hingegen hatte überhaupt keine Probleme gehabt. Ihr war die Darmspiegelung von der Krankenkasse bezahlt worden, weil es in ihrer Familie gehäuft Darmkrebs gegeben hatte. Die gesetzlichen Darmkrebsvorsorge wird ja sonst erst ab dem 56. Lebensjahr durchgeführt, weil die meisten Fälle in höherem Lebensalter auftreten. Die Darmspiegelung ergab bei meiner Freundin zum Glück keinen Befund. Die Anästhesistin war der Meinung heutzutage müsse niemand bei dieser Untersuchung Schmerzen erleiden. Wenn sie es ermöglichen könne, dann wollte sie mich höchstpersönlich in den Dämmerzustand versetzen. Damit war ich sehr einverstanden.

Das Mittel zur Darmreinigung bestand aus zwei kleinen Fläschchen einer Flüssigkeit, die mit Wasser verdünnt genau nach Vorgabe getrunken werden musste. Die Wirkung war wie gehabt. Ich verwischte fünf Rollen Toilettenpapier und verrieb ½ Dose Penatencreme. Mein Hintern hätte wieder als Zierde jedem Pascha einer Pavianherde zu Ehre gereicht. Am nächsten Tag kurz vor sieben holte mich eine Freundin ab. Sie fuhr mich zum Kreiskrankenhaus. Um mir die Wartezeit angenehm zu verkürzen hatte sie mir ein Büchlein mit Mischpokengeschichten in die Hand gedrückt. Die Schwester teilte mir ein Zimmer im ambulanten Zentrum zu. Dort döste ich im Bett vor mich hin und hatte das Büchlein erst zur Hälfte gelesen, als mich zwei Schwestern zur Untersuchung holten.

Ich stieg erst in ein grünes Nachthemd und dann ins Bett. So fuhren mich die beiden in den Untersuchungsraum. Dort musste ich die bekannten blauen Shorts mit der Öffnung an der Rückseite überstreifen. Der Arzt, ein weißhaariger, älterer und rundlicher Herr, konnte nicht verstehen, wieso ich denn unbedingt nakotisiert werden muss. Weil ich ihm sonst vor Schmerzen vom Bett hopsen würde, stellte ich klar. Er stocherte in meiner Armbeuge herum ohne eine Vene zu treffen. Ich schaute mich hilfesuchend nach der Anästhesistin um, die inzwischen gekommen war. Sie übernahm den Part sofort, indem sie sagte, der Doktor könne sich um seine eigentliche Aufgabe kümmern, sie würde das hier schon machen. Sie piekte mir die Flexüle in die Hand. „Jetzt wird mir schummrig.“, bemerkte ich.

So richtig zu mir kam ich erst wieder im Patientenzimmer. Mein Bauch war bretterhart und aufgeblasen wie ein Luftballon. Die Schwestern wollten wissen, wie ich mich fühlte. Ich hatte starke Bauchschmerzen, so als würde mir jemand ein Messer in den Wanst rammen, und mir war leicht übel. Die Schwestern sorgten umgehend dafür, dass es mir besser ging. Ich tat das beste, was ich in diesem Moment tun konnte, schlafen. Die Luft entwich aus meinem Gedärm, die Schmerzen verschwanden. Die eine Freundin hatte mich ins Krankenhaus gebracht, eine andere holte mich aus dem Krankenhaus ab. Ich hatte nur noch Hunger.

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Samstag, 25. August 2007
Visualisieren - Imaginieren
Mein Gynäkologe war erschüttert, als er vernahm, ich hätte eine Lungenmetastase. Die Gespräche in dieser Praxis sind trotz des ernsten Hintergrundes angenehm. Ich fühle mich individuell behandelt und als Mensch wahrgenommen, nicht als Kunde.

Genau wie einige weitere Leute weiß mein Frauenarzt, dass ich Entspannungsübungen durchführe, und dass sie mir helfen. Aber meine konkreten Erfahrungen mit der Visualisierung und insbesondere, was ich dabei sehe, habe ich nur zwei Personen anvertraut, einer meiner Freundinnen und meinem Onkologen. Hier werde ich davon nur soviel offenbahren, wie zum Verständnis der Sache notwendig ist. Und das auch nur, weil ich gebeten worden bin, darüber zu berichten. Da es mir den Umgang mit meiner Krankheit erleichtert, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch einige von Euch davon profitieren könnten. Es ist nicht auf Krebs beschränkt. Selbstverständlich kann und will ich hier keine Anleitung geben. Falls Ihr mehr wissen wollt, besorgt Euch die Bücher, die ich nenne. Oder besser noch lasst Euch von einem auf diesem Gebiet geschulten Psychologen oder Therapeuten unterweisen.

Imagination oder Visualisierung sind weder eine Geheimwissenschaft noch Mystik. Ich zapfe einfach mein Unterbewusstsein an. Das Wort Visualisierung habe ich das erste Mal bei der Reha in Plau am See gehört. Der Psychologe drückte mir ein entsprechendes Buch in die Hand, weil er annahm, ich würde ihn nicht für verrückt erklären. Ohne etwas über Visualisierung zu wissen, hatte ich mir den Darmkrebs und die Lebermetastase bildlich vorgestellt. Den einen hatte ich geboxt, die andere mit den Fingern weggeschnipst. Es handle sich dabei um eine uralte Technik, die jedem Menschen gegeben sei, hatte der Psychologe mir erläutert. Aber ohne Anleitung wollte ich mich auf keine Traumreise begeben. Mein Stundenplan in der Rehaklinik ließ solche Experimente nicht zu. Es blieb nicht einmal Zeit für einfache Übungen. Beim Abschied gab mir der Psychologe den Rat, mich mit Entspannungstechniken zu beschäftigen. Er meinte, ich wär dafür sehr empfänglich.

In der vorpommerschen Provinz sind Psychoonkologen eine rare Spezies. Meine renitente Rückseite verbot mir zudem Übungsstunden außer Haus. Aber meine Arbeitskollegen hatten mir zum runden Geburtstag einen Bücherscheck geschenkt. Den löste ich in der örtlichen Buchhandlung ein und erwarb den Titel „Den Krebs abwehren - die Selbstheilung fördern“. Autorin ist die österreichische Psychoonkologin Dr. Christine Centurioni. Dem Buch sind zwei CDs beigefügt, die beide zwei jeweils ½ Stunde dauernde Übungen enthalten, auf der einen solche zur Unterstützungen während Chemo- und Strahlentherapie, auf der anderen solche zur Reinigung und Stärkung. Ich legte die zweite CD ein und absolvierte pro Tag eine der beiden Lektionen. Aber so richtig wollte sich der gewünschte Effekt nicht einstellen. Ich übte mit wenig Begeisterung weiter. Dann hatte ich Ärger mit der Agentur für Arbeit. Anschließend wurde Brustkrebs bei mir diagnostiziert. Ich gab das Üben auf und legte das Buch beiseite.

Das änderte sich erst, als ich durch die Strahlentherapie an übergroßer Müdigkeit litt. Ich schlief und schlief, trotzdem war ich nur erschöpft. Den meisten Krebskranken ist dieser Zustand unter der Bezeichnung Fatigue bekannt. In der zweiten Therapiewoche hatte ich die Nase voll. Obwohl ich gehofft hatte, es nie zu müssen, nahm ich die erste CD, packte mich aufs Bett und hörte nebenbei die Imaginationsübung, die die Strahlentherapie unterstützen sollte. Es gelang mir während dieser Zeit der Bestrahlungen gerade zweimal die Übung im Stück zu hören. Gewöhnlich tauchte ich während der Sitzung an verschiedenen Stellen tief ab. Es waren nie dieselben. Spätestens am Ende, wenn die Imagination zurückgenommen wurde, war auch ich wieder da. Ich hatte den Eindruck, dass ich immer gerade die Bereiche der Visualisierung vernahm, die für mich an dem jeweiligen Tag von Bedeutung waren. Die anderen blendete mein Unterbewusstsein einfach aus und versetzte mich stattdessen in einen tiefen Entspannungszustand. Dass ich die gewünschte Eigenschaft erreichte, konnte ich deutlich merken. Im Zustand der Entspannung sinkt der Blutdruck. Ich musste mir eine Jacke überziehen und eine Decke über die Füße legen, selbst wenn ich zu Übungsbeginn schwitzte. Das Klappern der eigenen Zähne während der Visualisierung ist der Entspannung ein wenig abträglich.

Es funktionierte also plötzlich. Was war passiert? Eigentlich nichts besonderes, in der Zeit, während ich darauf wartete zur Bestrahlung gerufen zu werden, hatte ich zwei kleine Taschenbücher gelesen. Das erste hieß „Wieder gesund werden“ und verstand sich als „Eine Anleitung zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte für Krebspatienten und ihre Angehörigen“. Verfasst hatten es O. Carl Simonton, Stephanie Matthews Simonton und James Creighton. Das zweite Buch „Auf dem Wege der Besserung - Schritte zur körperlichen und spirituellen Heilung“ stammt von O. Carl Simonton allein. Dr. Simonton ist ein amerikanischer Radiologe und Onkologe. Seine Frau Stephanie arbeitete als Psychologin und beschäftigte sich mit Motivation. Dr. Simonton vertritt in einem Interview die Auffassung:
Die hauptsächliche Botschaft der Krebserkrankung ist in meinen Augen die Notwendigkeit, das Leben neu zu fokussieren. Die Krebserkrankung ist ein Mittel, das der Körper anwendet, um den Menschen dermaßen zu schockieren, dass er die notwendigen Umstellungen vornimmt, diesen Gedanken zu akzeptieren. In unserer Kultur glauben die meisten Menschen, Krebs sei ein schreckliches Unglück, ein rein zufälliger Schicksalsschlag ohne besonderen Anlaß.
Einige Menschen meinen sogar, sie würden für einen früheren Fehler oder eine Übertreibung bestraft. Für mich ist die Krebserkrankung eine Botschaft, die dem Betroffenen mitteilt, mit all dem aufzuhören, was ihm Leiden bringt und auffordert, vermehrt Dinge zu tun, die ihm Freude bereiten - Dinge, die im Einklang mit seiner Persönlichkeit sind und mit dem Leben, das er gerne führen möchte.
Ein recht drastisches Mittel, zugegebener Maßen, das mein Körper da angewandt hat, aber ich war auch erst nach dem dritten Schuss vor den Bug bereit, Veränderungen vorzunehmen. Selbst nach der Lebermetastase und mit den Lymphödemen hätte ich so weitergemacht wie bisher. Ich habe in der letzten Zeit viel nachgedacht und einiges über mich und andere erfahren. Das war nicht immer angenehm. Wesentlich für den Ausbruch der Erkrankung halte ich meinen Umgang mit Stress. Nicht nur dass ich den im privaten und beruflichen Umfeld hatte, ich bereitete mir wegen meines Perfektionismuses noch zusätzlichen Druck. Einen adäquaten Ausgleich hatte ich nicht, meinen Sport hatte ich aufgegeben. Das war eine der dümmsten Entscheidungen meines Lebens.

Seelische Belastung muss sich nicht immer so rigoros niederschlagen wie bei mir. Aber diejenigen meiner Freundinnen, die mir charakterlich gleichen, speziell mit diesem Hang zum Perfektionismus, leiden an chronischen Krankheiten. Dr. Simonton äußert sich in seinen Büchern ähnlich:
Denken sie daran, Ihre Gefühle sind ein Produkt Ihrer Überzeugungen und Gedanken. Wenn Sie sich besser fühlen wollen, müssen Sie gesünder denken!
Wenn ich das weiß, kann ich auch etwas korrigieren. Auch Dr. Centurioni sprach in den Übungen von Veränderungen, und von dem Nutzen verstärkt das zu tun, was mir gut täte. Ich hatte es wohl gehört, aber ich hatte es nicht wirklich vernommen. Erst als ich die Bücher von Dr. Simonton gelesen hatte, in denen alles ausführlicher und mit Patientenbeispielen geschildert wurde, bekam ich die entscheidende Initialzündung. Plötzlich passte alles zusammen. Ich fühlte eine große Erleichterung. Die Imaginationsübung zur Strahlentherapie gelang. Meine Ängste schrumpften.
Im wesentlichen ist die Visualisierung ein Zustand vollkommener Entspannung, in dem sich der Patient das ersehnte Ziel oder Behandlungsergebnis bildlich vorstellt. Beim Krebspatienten bedeutet dies: Er soll versuchen, sich die Krebswucherung und ihre Zerstörung durch die Behandlung, vor allem aber die natürlichen Abwehrkräfte des Körpers im Kampf gegen den Krebs bildlich vorzustellen.
Vor meinen Visualisierungsübungen lag ich als verspanntes Etwas auf dem Behandlungstisch und starrte auf die drohend über mir schwebende Strahlenkanone. Die Bestrahlung selbst dauerte ja nur einige Minuten. Deshalb versuchte ich eine verkürzte Übung. Ich schloss die Augen und rief mir einige Wortformeln aus der Imaginationssitzung ins Gedächtnis wie: Entspannung kommt ganz von alleine, ich liege ganz ruhig, während die Strahlen ihre Arbeit tun. Die Muskelversteifungen lösten sich, ich konnte ganz unverkrampft auf dem Tisch liegen, und ich sah meinen Brustkrebs.

Ich hatte mir die Krebszellen als unordentlichen schmuddligen Haufen haariger Wesen vorgestellt. Jedes dieser kleinen Fellknäule hatte zwei Augen, einen winzigen Mund und zwei Füße, aber keine Hände. Die Strahlen brachen über sie herein wie ein Flächenbombardement. Die Krebszellen waren auch nur noch halb so groß wie bei der letzten Sichtung. Von da ab lag ich gelassen auf dem Behandlungstisch und beobachtete den von Mal zu Mal kleiner werdenden Krebshaufen. Während der Bestrahlungstherapie habe ich täglich einmal das Visualisieren vor der Behandlung geübt. Inzwischen trainiere ich gleich nach dem Aufwachen und nach dem Mittag, aber dazu später mehr.

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Sonntag, 19. August 2007
Herumkrebsen
Mein Onkologe wollte am Donnerstag vor einer Woche nicht so recht Entwarnung geben. Wegen der erhöhten Werte beim Tumormarkertest verlangte er erneut Blut und zwar meins. Die Schwester hielt schon genüsslich die Kanüle bereit, um mich zu quälen. Worauf ich argwöhnte, mein Arzt wäre in seinem früheren Leben bestimmt Großinquisitor gewesen, was er vehement bestritt. Um die Ursache der hohen Werte zu finden, wäre ihm ein MRT oder PET am liebsten. Aber so was mag die Krankenkasse ja nicht gerne bezahlen. Die Schwester ging und brachte mein Blut ins Labor. Da mein Doktor frisch aus dem Urlaub gekommen war, hielt ich die Gelegenheit für günstig, ihm ein Gespräch aufzudrängen. Es hatte sich einiges angesammelt, was mir nicht passte. Bis jetzt sah es für mich keinesfalls so aus, als würde er meine Inkontinenz ernst nehmen. Das schien nur so, hat mir mein Arzt versichert. Sonst lässt er sich gewöhnlich immer von ein oder zwei Schwestern bewachen. Diesmal wartete die Schwester dann draußen vor der Tür. Wir haben bestimmt ½ Stunde allein miteinander geredet. Dass solch ein Gespräch nicht immer möglich ist, weil dazu wenig Zeit bleibt, weiß ich auch. Aber ab und zu ist es geboten. Ich war die erste Patientin in der Sprechstunde, als ich ging, war das Wartezimmer voll.

In der letzten Zeit habe ich viel gelesen. Das Buch, dass Krebs am anschaulichsten erklärt, ist ausgerechnet eins über Ernährung. Es heißt "Krebszellen mögen keine Himbeeren". Zugegeben, der Titel ist idiotisch. Er lässt eher einen Frauenroman wie "Schokolade zum Frühstück - Das Tagebuch der Bridget Jones" als eine seriöse Abhandlung vermuten. Ich hätte es deshalb beinahe nicht gekauft. Der Name des Originals ist schlicht: "Les aliments contre le cancer" also "Nahrungsmittel gegen Krebs". Die Autoren Prof. Dr. Richard Béliveau und Dr. Denis Gingras, zwei kanadische Ärzte, schrieben es 2005. Im Buch ist allgemein verständlich erläutert, wie Krebs entsteht, und was seine Schwachstellen sind.

Als Wurzel allen Übels haben die Autoren die Zelle ausgemacht. Krebs entwickelt sich, wie sie darlegen, in den drei Phasen: Initiation, Promotion und Progression. Bis jetzt hatte ich immer geglaubt Krebs wäre die Ausnahme, die einen zufällig trifft. Die beiden Ärzte berichten von einer pathologischen Studie bei Verstorbenen, deren Tod nicht durch Krebs verursacht worden war.
98 Prozent der Untersuchten wiesen in dieser Studie kleine Tumoren der Schilddrüse auf, 40 Prozent hatten Prostata- und 33 Prozent Brusttumore, während Tumoren dieser Organe normalerweise nur bei einem Bruchteil der Bevölkerung festgestellt werden ...
Klinisch diagnostiziert waren davon nur 1% in der Brust, 2% in der Prostata und 0,1% in der Schilddrüse. Die meisten dieser Mikrotumore bleiben also klein, weil das Immunsystem sie in Schach halten kann.
Man vermutet, dass diese Krebserkrankungen sich aufgrund einer Störung unserer natürlichen Abwehrsysteme gegen die Angiogenese entwickeln, die von den Tumoren in Gang gesetzt wird. Unter normalen Umständen gewinnen die antiangiogenetischen Abwehrmechanismen die Oberhand über die Versuche der Tumoren, die für ihr Wachstum lebenswichtige Blutversorgung herzustellen, und die Tumoren bleiben mikroskopisch klein. ...
Meinem geschwächten Immunsystem ist ein weiterer Feind durch die Lappen gegangen. Am letzten Donnerstag klingelte das Telefon. Da ich zu langsam war, sprang der Anrufbeantworter an. Ich drückte eine Taste und rief, "Hallo! Hallo!", ins Telefon. Eine Stimme fragte, ob ich es sei oder das technische Gerät. "Nein, ich bin nicht der Automat.", erklärte ich. Die Stimme gehörte meinem Onkologen. Das verhieß nichts Gutes. "Wir müssen reden.", sagte er. Ich erwiderte, dass ich schon wüsste, was das hieß, und mir ganz schlecht sei. Er meinte, das kann er verstehen, aber reden müssten wir trotzdem. Wir verabredeten uns für Freitagmittag. Mein Arzt hoffte, dass dann nicht ein neues Unwetter über Demmin hinwegzieht.

In der Nacht von Mittwoch auf den Donnerstag hatte ein Minitornado im Landkreis Demmin Bäume wie Streichhölzer umgeknickt. Besonders arg erwischte es das Dorf Trittelwitz. Der Sturm verteilte einen Dachstuhl aufs Feld und lädierte mehrere andere. In Trittelwitz sah es aus wie nach einem Bombenanschlag. Am schlimmsten waren jedoch die beiden Insassen eines Wohnwagens dran. Ein Blitz traf ihr Domizil und schleuderte es gegen eine Hauswand. Einer der beiden liegt jetzt in der Intensivstation des Kreiskrankenhauses Demmin. Die Kameraden der Feuerwehr hatte zwei Stunden gebraucht, ehe es ihnen gelang mit Motorsägen und schweren Gerät zu den Verunglückten vorzudringen. Hier in der Stadt hörte ich freitags und samstags die Motorsägen. Die Stadtwerke waren mit Aufräumen beschäftigt. Die Verwüstungen wurden nur im Regionalfernsehen gezeigt. Den Öffentlich-Rechtlichen waren sie keine Erwähnung wert. Wir sind halt nur die Provinz. Wenn wir hinweggeweht werden, interessiert das kein Aas!

Freitag zum vereinbarten Zeitpunkt meldete ich mich in der Notfallambulanz des Kreiskrankenhauses Demmin. Die Schwester sagte mir, meinem Arzt wäre etwas dazwischengekommen. Er war noch im OP. Ich setzte mich in die Cafeteria, die geschlossen hatte. Aus den Lautsprechern dröhnte das Programm des Regionalsenders. Ich versuchte ruhig zu atmen, was mir nicht besonders gut gelang. Nach einer Weile kam die Schwester. In der Notfallambulanz gibt es drei Sprechzimmer. Die Schwester führte mich ins hintere. Ich sah eine Untersuchungsliege und zwei sich gegenüberstehende Schreibtische mit Monitor und TFT-Bildschirm. Über dem Schreibtisch links hing ein Regal mit Büchern. In der obersten Reihe standen Aktenordner. Auf der rechten Seite der Wand waren gut gefüllte Ablagen angebracht. Ich setzte mich auf einen der zwei Besucherstühle. Der ganze Raum wirkte unpersönlich, kalt und steril, wie es Zimmer in Krankenhäusern nun einmal sind.

Mein Doktor, in grüner Kleidung, schaute ins Zimmer, und sagte er müsse noch einmal in den OP. Vor mir auf dem Schreibtisch lagen zwei Patientenakten. Die mir am nähsten war meine. Nach kurzer Zeit erschien mein Onkologe erneut, diesmal in gewohntem Weiß. Ich folgte ihm in eine winzige Kammer. Dort stand ein Kopierer sowie ein Tisch mit Flachbildschirm. Mein Arzt setzte sich vor den Tisch, während ich mich an den Kopierer lehnte und auf ihn herabschaute. Völlig neue Konstellation. Ich war daran gewöhnt, dass er in der Onkologie auf mich und die anderen Patienten dort mehrere Etagen über mir herunterlächelte.

Er zeigte am Bildschirm die unter 1 cm große Metastase in meinem rechten Lungenflügel. Dann erzählte er mir, was er alles unternommen hatte, nachdem der Tumormarkertest einen weit höheren Wert ergeben hatte als der letzte. Bei nochmaliger Durchsicht der Computertomographie war die Metastase dann entdeckt worden. Ich fragte meinen Doktor, warum die Radiologen sie nicht schon beim ersten Mal gefunden hatten. Ein Stellvertreter hätte die Metastase bei der ersten Ansicht übersehen. Der eigentliche Radiologe hat sie dann aufgespürt. Diese Metastase ist eine Hinterlassenschaft meines Darmkrebses, der nur auf einen günstigen Anlass lauert, um erneut zuzuschlagen. Auf mich wartet eine weitere Operation in der Uniklinik Greifswald. Die Narben der letzten sind noch nicht einmal richtig verheilt.

Mein Arzt verabschiedete sich freundlich von mir. Ich versuchte ein Lächeln, was völlig missriet. Mein Abgang aus der Notfallambulanz glich mehr einer Flucht. Bevor ich mich auf die Ausgangstür stürzte, entfuhr mir ein Schluchzen. Ich konnte es einfach nicht unterdrücken. Ich verließ das Krankenhaus auch gleich dort an der Notfallambulanz. Nur raus!

An der Kleinen Schillerstraße, die die hässlichste von allen Demminer Straßen ist, las mich eine Freundin auf. Sie kam gerade vom Einkaufen. Das macht sie mittlerweilen seit zwei Jahren, für mich einkaufen gehen. Sie fuhr mich und die Besorgungen, die sie erledigt hatte, nach Hause. Dort umärmelte sie mich und erklärte, ich solle sie anrufen, wann immer ich etwas brauche. Dann klingelte es, und Beate stand mit Tomaten und Kräutern vor der Tür. „Komm rein Rotkäppchen.“, sagte ich. Zusammen mit Beate fuhr ich zum Schwanenteich. Dort hatten gerade neue Discounter ihre Geschäfte eröffnet. Ein Bummel durch die Märkte versprach wenigstens ein wenig Ablenkung. Auch Beate umarmte mich beim Abschied. Auf ihre Hilfe und Unterstützung kann ich genauso zählen. Was wäre ich ohne meine Freundinnen?

Bei mir spielt also wieder täglich das Panikorchester. Das schlimmste an dieser Krebserkrankung ist die Angst. Aber ich muss nicht nur meine eigene sondern auch die der anderen und ihre Hilflosigkeit ertragen. Während der Strahlentherapie hatte ich mit Entspannungsübungen begonnen. Die ersten beiden nach dem Besuch beim Onkologen scheiterten natürlich. Inzwischen klappt es aber wieder, und es ist eine Erleichterung für mich. Angst und Entspannung sind zwei Zustände, die sich gegenseitig ausschließen. Es geht immer nur entweder oder. Heute bin ich auch wieder spazierengegangen. Meine Lieblingsroute führt durch die Tannen und dann die Bergstraße entlang. Auf das Grabmal am Jüdischen Friedhof habe ich das zweite Steinchen gelegt. Als ich die Begräbnisstätte verließ, lugte die Sonne hinter den Wolken hervor.

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